Christoph Heesen, 46, Leiter der Multiple Sklerose Ambulanz an der Hamburger UniKlinik, über ein neues Medikament gegen das NervenleidenSPIEGEL: Der Wirkstoff Dimethylfumarat, der bisher bei Schuppenflechte eingesetzt wurde, soll auch die Häufigkeit von MS-Schüben verringern. Wie dringend benötigen Sie ein solches Mittel?Heesen: Es gibt schon zugelassene Medikamente, die MS bremsen, die aber leider unangenehme Nebenwirkungen haben. Insofern wäre ein gutverträgliches Mittel ein Gewinn.SPIEGEL: Ist die Wirksamkeit von Dimethylfumarat bei MS ausreichend belegt?Heesen: Für die Zulassung dürften die Daten ausreichen. Aber man muss sich die jetzt hinausposaunten Erfolgsraten sehr genau anschauen. Im Schnitt erleiden in zwei Jahren 15 von 100 Patienten einen MS-Schub. Nach Einnahme von Dimethylfumarat sind es nur 9 – folglich haben gerade mal 6 von 100 Patienten einen Nutzen von der Therapie. Das schaffen auch die jetzigen Medikamente schon.SPIEGEL: Könnte das Mittel den fortschreitenden chronischen Verlauf der Krankheit verhindern?Heesen: Nein, die Erkrankung kommt dadurch nicht zum Stillstand. Das Entscheidende bei der Behandlung von MS ist eigentlich auch nicht, dass die Patienten weniger Schübe haben. Viel wichtiger wäre es, bleibende Schäden durch die chronische Erkrankung zu verhindern. Ob das Mittel dabei besser wirkt als andere Präparate, bezweifle ich. Einen Durchbruch bei der Behandlung von MS stellt es sicher nicht dar.SPIEGEL: Gegen Schuppenflechte wird Fumarsäure seit 1994 eingesetzt. Weiß man dadurch genug über die Langzeitverträglichkeit?Heesen: Genug weiß man nie. Es könnte sein, dass MS-Patienten auf die Substanz ganz anders reagieren als Psoriasis-Patienten, wenn sie die Tabletten zehn Jahre lang einnehmen. Aber es ist in der Tat ein seltener Vorteil, dass wir über ein neues Medikament schon so viel wissen.
via DER SPIEGEL 4/2012 – Ein Durchbruch ist das sicher nicht.

